Dimitri Känel
Widerbart
Epipogium aphyllum Sw.
Im Grenzbereich zwischen Mythos und Realität macht der geheimnisvolle Widerbart den Eindruck, als wäre er direkt einer Science-Fiction-Welt entsprungen. Viele Jahre lang kann er nicht blühen und dann auf mysteriöse Weise plötzlich wieder erscheinen. Epipogium aphyllum bedeutet wörtlich «der eine Bart oben trägt» und «blattlos» auf Altgriechisch, in Anspielung auf die umgedrehte Lippe und den blattlosen Stängel, die die auffälligsten Merkmale seiner Eigenart sind. Obwohl sie im Dunkeln gedeiht, kann diese Orchidee bis zu fünf grosse, glitzernde, weisslich-transparente Blüten tragen. Die Lippe ist gross und herzförmig, mit dunkleren Rändern und in ihrer Mitte befindet sich eine Vertiefung mit vier Reihen papillärer Leisten, die bemerkenswert violett gefärbt sind. Obwohl sie gelegentlich kleine Kolonien von Dutzenden Pflanzen in wenigen seltenen Schweizer Gebieten bildet, ist ihre Blüte im Spätsommer sehr unregelmässig, kurz und unberechenbar. Diese Blüte zu beobachten ist eine absolute Seltenheit. Diese Orchidee ist eurasiatisch-gemässigt verbreitet, jedoch mit sporadischem und fragmentiertem Vorkommen. Sie wächst ausschliesslich in weichen, tiefen Böden auf alkalischem bis leicht saurem Untergrund, zwischen Moosen oder Kiefernnadeln. Sie gedeiht am liebsten in dunklen Winkeln dichter, feuchter Wälder in der montanen Stufe, beziehungsweise Tannen-Buchenwälder oder Nadelwälder. Da sie kein Chlorophyll besitzt, ist sie vollständig von Mykorrhiza-Pilzen der Gattung Inocybe abhängig.
ANEKDOTE
Das Widerbart vermehrt sich oft vegetativ, indem es Ausläufer bildet und an den Wurzeln kleine Brutzwiebeln entwickelt, die vom Regenwasser weggespült werden können, um sich zu verbreiten. Die Bestäubung erfolgt selten und hauptsächlich durch Hummeln, die diese Pflanze sehr unregelmässig aufsuchen. Um diese Orchidee zu erreichen, müssen sie Dunkelheit und Feuchtigkeit trotzen und sich dabei vom Geruch fermentierter Banane leiten lassen, den die Blüte verströmt.
ERHALTUNG
Das Widerbart ist stark bedroht. Es gilt in der Schweiz als verletzlich und steht auf der Liste der prioritären Arten der Roten Liste. Auf dem Mittelland ist es sogar vom Aussterben bedroht, im Jura und auf der Alpensüdseite stark gefährdet. Seine hochspezialisierten Lebensansprüche machen es besonders empfindlich gegenüber Lebensraumzerstörung, Insektenrückgang und Klimawandel. Im Kanton Freiburg beispielsweise scheint es in mindestens sieben ehemaligen Gebieten nach Holzschlägen verschiedener Intensität vollständig verschwunden zu sein.
GEFÄHRDUNGEN
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Kleine, isolierte Vorkommen
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Datamangel
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Ungeeignete Pflege, Unwissenheit
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Ungeeignete forstwirtschaftliche Nutzung