Dimitri Känel
Provence-Knabenkraut
Orchis provincialis DC.
In der Schweiz lassen sich die Vorkommen des Provence-Knabenkrauts an einer Hand abzählen. Diese extrem seltene Orchidee zeichnet sich durch eine ausgebreitete grundständige Blattrosette mit violetten Flecken aus. Der Blütenstand trägt 5 bis 20 weitständige, grosse Blüten von creme- bis blassgelber, manchmal weisslicher Farbe, was ihr eine noch blassere Erscheinung verleiht als ihrem nahen Verwandten, dem Blassen Knabenkraut (Orchis pallens L.). Die Lippe ist dreilappig und diskret rot punktiert. Wie bei Orchis pallens ist der Sporn lang und nach oben gebogen. Die Art wächst in sonnigen oder leicht beschatteten, buschigen, eher frischen, oft steinigen Hängen. Dabei vermeidet sie kalkreiche Böden. Es handelt sich um eine Orchidee, die die Gold-Platterbse (Lathyrus aureus) und den Hohlknolligen Lerchensporn (Corydalis cava) imitiert, um eine bestimmte Art von Sandbiene, Andrena lathyri, zu täuschen. Diese Sandbienen sind darauf spezialisiert, Hülsenfrüchtler (Fabaceae) zu besuchen, und bringen nur eine Generation Brut pro Jahr hervor. Die erwachsenen Bienen fliegen nur während einer kurzen Zeitspanne von 4 bis 6 Wochen, die mit der Blütezeit des Provence-Knabenkrauts von Mitte Mai bis Juni zusammenfällt. Diese Pflanze ist ausschliesslich auf Fremdbestäubung zwischen zwei unterschiedlichen Individuen angewiesen, was die Seltenheit und die sehr kleinräumige Verbreitung dieser mediterranen Art erklärt.
ANEKDOTE
Das Provence-Knabenkraut verdankt seinen Namen seinem Beschreiber, Giovanni Battista Balbis. Er hat diese Art erstmals im Süden Frankreichs in der Provence entdeckt. Ein weiterer interessanter Fakt ist, dass diese Art 2021 im Šar Planina, ein Gebirgszug in Kosovo, entdeckt wurde. Diese Entdeckung wird von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als Teil der Flora Serbiens beschrieben, da Serbien die Unabhängigkeit dieser Republik nicht anerkennt. Dies erinnert daran, dass selbst Blumen der Geopolitik nicht entkommen.
ERHALTUNG
Die Art wurde nur in einem Gebiet in Graubünden und an 5 Lokalitäten im Tessin festgestellt. In Graubünden wurde das Vorkommen des Provence-Knabenkrauts seit 1935 nicht mehr bestätigt. 1999 wurde jedoch ein isoliertes Vorkommen in einer Magerwiese im Val Calanca wiederentdeckt. Im Tessin ist die Art in der Nähe von Lugano verschwunden. Ein Vorkommen in der Gemeinde Vacallo wurde 1988 durch Beweidung, Tritt und Auffüllungen zerstört. In den letzten Jahren blieben nur noch zwei Populationen übrig, die seit mehreren Jahren jeweils nur aus 5–10 sterilen Individuen bestehen. In Mergoscia-Fressino wurde die Art illegal in einem Privatgarten angepflanzt, wo sie sich bis heute hält. Das Provence-Knabenkraut ist in der Schweiz stark vom Aussterben bedroht.
GEFÄHRDUNGEN
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Isolierte Vorkommen, geringe Individuenzahl
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Ungeeignete forstwirtschaftliche Nutzung
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Konkurrenz, Verbuschung,
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Sammeln, Ausgraben von Pflanzen, Tritt
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Stark eingeschränktes Verbreitungsgebiet
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Zerstörung des Lebensraums
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Beweidung