Dimitri Känel
Pflugschar-Zungenstendel
Serapias vomeracea (Burm. f.) Briq.
Das Pflugschar-Zungenstendel ist der einzige Vertreter seiner Gattung in der Schweiz. Es besitzt einen dunkelroten Blütenstand, der komplexen Architektur an eine Origami-Kreation erinnert. Alle 5 Perigonblätter sind zu einem langen spitzen Helm verklebt, was den Blüten eine tubenförmige Gestalt verleiht, die sich schräg überlagernd mit einer von der langen Lippe ummantelten Öffnung präsentieren. Die Zungenstendel sind die einzigen Orchideen, deren Bestäubungsstrategie darin besteht, lochartige Verstecke für Insekten zu imitieren. Auch wenn die Tuben zu kurz sind, um sie dauerhaft darin nisten lassen, bieten sie doch genug Platz für eine wohlverdiente Pause. Wildbienen schätzen besonders diese kleinen Hütten, die in der Luft schweben und ein freien Blick über die Wiese gewähren. Sie nutzen sie nachts als Zufluchtsort vor Unwetter und Prädatoren. Beim Eindringen stossen sie gegen den Blütenboden, wenden sich um und kleben sich die Pollinien auf den Kopf. Bei den ersten Sonnenstrahlen erwärmen sich die Blüten innen um 2–3 Grad. Das ermutigt die Gäste, ihre Aktivität früher als die Konkurrenz zu beginnen. So werden die Blüten von ihren Gästen befreit und sind bereits bereit für neue Besucher, die vielleicht die wertvollen Pollinien ablegen.
ANEKDOTE
Die Etymologie des latinischen und französischen Namens dieser Art (Serapias) leitet sich vom Fruchtbarkeitsgott Serapis ab, einer Gottheit und einem Kult, die von der Antike Griechenland und Ägypten geteilt wurden. Alte Texte belegen, dass Pline der Ältere und Pedanios Dioskurides den Zungenstendel (Serapias) kannten. Sie schrieben ihnen aphrodisierende und anregende Eigenschaften zu. Theodorus Priscianus behauptete später sogar, dass es genüge, Knollen des Zungenstendels zu ergreifen, um die männliche Funktion eines Mannes wiederherzustellen. Leider ist die Etymologie des deutschen Namens dieser Art viel beschreibender und weniger mythisch…
ERHALTUNG
In der Schweiz ist das Pflugschar-Zungenstendel vom Aussterben bedroht und deshalb eine hohe nationale Priorität. Es wächst ausschliesslich in wenigen insubrischen Trockenrasen und lichten Wäldern im Tessin, wo nur eine Handvoll kleiner, isolierter Vorkommen unsicher weiterbesteht. Die Zungenstendel sind eine mediterran-atlantische Gattung mit 17 Arten und natürlichen Hybriden. Die meisten davon befinden sich im Rückgang, obwohl noch bedeutende Populationen im Süden Frankreichs, in Italien, Albanien, Griechenland und Bulgarien wachsen. In der Türkei wird diese Art für die Salep-Produktion (wie den Frauenschuh) gesammelt und ist stark bedroht. Die Populationsdynamik in der internationalen Ebene ist unbekannt.
GEFÄHRDUNGEN
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Kleine, isolierte Vorkommen
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Ungeeignete Pflege und Weide
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Unpassendes Mahregime
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Konkurrenz, Verbuschung
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Sammeln, Ausgraben von Pflanzen, Tritt
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Stark eingeschränktes Verbreitungsgebiet
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Zerstörung des Lebensraums