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Nestwurz

Neottia nidus-avis (L.) Rich.

Das Nestwurz ist das Paradebeispiel für eine parasitäre Orchidee. Sie ernährt sich ausschliesslich, indem sie ihre Nährstoffe aus dem im Boden befindlichen Pilznetz bezieht. Diese geheimnisvolle Pflanze, die keine Photosynthese betreibt, kann einfach mit einer Sommerwurz (Orobanche) verwechselt werden. Aus der Ferne erinnern ihr Aussehen und ihre Textur an einen seltsamen, schleimigen Pilz. Dennoch handelt es sich tatsächlich um eine recht robuste Orchidee, die in den dunkelsten Bereichen des Waldes leben kann. Die einzige Bedingung ist, dass die Pflanze sich mit den richtigen Mykorrhizen in einem kalkhaltigen bis neutralen, tiefen und frischen Boden verbindet. Man findet sie vereinzelt in dichten Buchenwäldern und Nadelwäldern bis auf 2000 m ü.M. Sie wird von Fliegen, Fransenflüglern oder Ameisen bestäubt und vermehrt sich häufig vegetativ, sodass diese Orchidee leicht Kolonien aus mehreren Dutzend Pflanzen bildet. Sie blüht am Ende des Frühlings und verdankt ihren Namen dem wirren Wurzelgeflecht, das an ein Vogelnest erinnert. Manchmal blühen Nestwurzen sogar unterirdisch und können dabei Samen bilden. Es handelt sich um ein überraschendes und wenig bekanntes Phänomen!

ANEKDOTE

Das Nestwurz steckt voller Überraschungen, wie neuere Studien gezeigt haben. Trotz des scheinbar fehlenden Chlorophylls besitzt und aktiviert diese Orchidee sämtliche Gene für die Chlorophyllsynthese, im Gegensatz zur Widerbart. Das inaktive Chlorophyll könnte sogar für die braune Färbung der Pflanze verantwortlich sein. Als Beweis dafür kann man diese Art gelegentlich in einer selteneren, vollkommen weissen Form beobachten, die tatsächlich kein Chlorophyll enthält. Experimente haben gezeigt, dass die Orchidee bei intensiver Hitze wieder grün wird! Hitze scheint entweder ein Pigment zu bewegen, das die grüne Farbe verschleiert, oder es handelt sich um eine temperatursensitive Form von Chlorophyll. Diese Entdeckung deutet darauf hin, dass die Nestwurz ihre grüne Farbe verloren haben könnte, um verrottende organische Substanz nachzuahmen und sich so vor Pflanzenfressern zu schützen.

ERHALTUNG

In der Schweiz ist das Nestwurz nicht gefährdet und ihre Vorkommen scheinen sich in einem stabilen Zustand zu befinden, dies gilt jedoch nicht überall. In England hat die Art zwischen 1930 und 1970 erhebliche Verluste infolge tiefgreifender Veränderungen in der Waldbewirtschaftung erfahren. Diese Orchidee reagiert sehr empfindlich auf Störungen ihres Lebensraums. Eine Studie zeigt, dass ihr rascher Rückgang im Südosten Englands sowohl mit einer Abnahme der Frühjahrsniederschläge als auch mit der Steigerung der Anwesenheit stickstoffhaltiger Luftschadstoffe verbunden ist. Ausserdem scheint das starke Anwachsen der Hirschpopulationen in der Region die natürliche Erneuerung vieler Wirtspflanzen zu verhindern, die mit Pilzen aus der Familie der Wachskrustenartige (Sebacinales) verknüpft sind. Die Anwesenheit dieser Pilze ist für das Überleben der Nestwurz notwendig.

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