Dimitri Känel
Mastorchis
Himantoglossum robertianum (Loisel.) P. Delforge
Die Mastorchis, auch Roberts Riemenzunge genannt, ist die grösste Orchidee in Europa: sie wird bis zu 90 cm hoch. Mit einem Blütenstand aus Dutzenden rosa-violetter Blüten ist sie zugleich die erste Orchidee, die im März in der Schweiz blüht. Robust und kräftig umgeht diese Verwandte der Bocks-Riemenzunge die Konkurrenz durch ihre frühe Phänologie. Sie erzeugt einen berauschenden Duft, der es ihr ermöglicht, mühelos die ersten Bestäuber wie Bienen, Hummeln und sogar einige Käfer anzulocken. Die Roberts Riemenzunge besitzt zudem die Seele einer Eroberin. Durch den Klimawandel angetrieben wurde diese Orchidee erstmals 1807 von dem Botaniker Loiseleur Deslongchamps auf den Hügeln bei Toulon am Mittelmeer beobachtet. Heute hat sie die normannischen Küsten, Grossbritannien, die Niederlande bis zum Nahen Osten erreicht. In der Schweiz erreichte die Mastorchis 2007 das Genferseebecken. Die grössten Vorkommen finden sich derzeit an Autobahn-Böschungen. Einzelne Individuen wachsen sogar in öffentlichen Parks mitten in Genf Stadtzentrum. Die Vorkommen verdichten sich und die Entwicklung der französischen Populationen lässt vermuten, dass die Roberts Riemenzunge in den kommenden Jahrzehnten weiterhin die Luft des gesamten Genferseebeckens parfümiert.
ANEKDOTE
Diese bemerkenswerte Orchidee blüht bereits im Dezember im Süden Italiens und auf dem französischen Archipel der Îles d'Hyères (Hyèrische Inseln). Ähnlich wie die Holunder-Fingerwurz verfügt sie über ein Erbgut, das ihr erlaubt, die Farbe ihrer Perigonblätter vom Rosa bis Grün zu variieren. Obwohl sie keinen Nektar bietet, vermehrt diese Variabilität ihren Erfolg bei den Insekten. Eine weitere überraschende Tatsache ist, dass sie sich häufig mit Kolonien der Blattlaus Dysaphis tulipae assoziiert, die sich von ihrem Pflanzensaft ernähren und Honigtau produzieren, der sich im Blütensporn ansammelt und so eine bescheidene Belohnung für die besuchenden Insekten bietet.
ERHALTUNG
Bisher liegen nur sehr wenige Daten zu dieser Art vor. In der Schweiz gilt sie noch als sehr selten. In Frankreich war die Mastorchis bis in die 1980er Jahre geschützt, wurde dann aber aufgrund ihrer raschen Ausbreitung nach Norden von der Schutzliste gestrichen. Die Rolle der Schweiz bei ihrer Erhaltung lässt sich derzeit nur schwer abschätzen.