Dimitri Känel
Kleines Zweiblatt
Listera cordata (L.) R. Br.
Eine Lupe ist nötig, um diese kleine Orchidee des Unterwuchses richtig zu schätzen. Das Kleine Zweiblatt ist schwer zu entdecken. Es wächst sowohl im hellen Licht als auch im Halbdunkel, in kühlen Nadelwäldern, wo es sich in die Niedrigvegetation einfügt. Es gedeiht am liebsten auf saurem, feuchtem bis wassergesättigtem Untergrund und siedelt sich gerne in Moospolstern an, oft mit der Heidelbeere (Vaccinium myrtillus). In der Schweiz findet man es vor allem in der montanen bis subalpinen Stufe, bis auf etwa 2300 m ü. M. Die Blüten von Listera cordata, erkennbar an ihren geschwollenen Fruchtknoten, sind weniger als zehn Millimeter gross und ohne Sporn. Der Nektar wird an der Basis des Lippenblatts abgesondert, das an eine gespaltene Schlangenzunge erinnert. Er sammelt sich in winzigen Tröpfchen und verströmt einen unangenehmen Geruch, der vor allem kleine parasitäre Wespen aus der Familie der Schlupfwespen (Ichneumonidae) oder Pilzmücken aus der Familie der Trauermücken (Sciaridae) anlockt. Das Kleine Zweiblatt verdankt seinen Namen seinen zwei einzigen, gegenständigen, herzförmigen Blättern, die sich etwa in der Mitte des feinen Stängels befinden.
ANEKDOTE
Eine Studie aus Nordkalifornien zeigte, dass, wenn ein Insekt die empfindlichen Trichome des Rostellums von Listera cordata berührt, die Pollinien sofort freigesetzt und an seinem Körper befestigt werden. Erst ein bis zwei Tage später hebt sich das Rostellum und legt das Stigma frei. Diese zeitlich versetzte Reaktion verhindert eine Selbstbestäubung auf sehr effektive Weise. Wenn jedoch innerhalb von vier Tagen nach dem Aufblühen kein Insekt die Blüte besucht, hebt sich das Rostellum trotzdem. Dies erhöht die Chancen auf eine Befruchtung durch einen später eintreffenden Pollenüberträger. Diese Orchidee weist eine besonders hohe Bestäubungsrate auf, was die Effizienz ihrer Strategie unterstreicht.
ERHALTUNG
Das Kleine Zweiblatt ist eine in der Schweiz wenig bekannte und potenziell gefährdete Orchidee. Sie wächst in grossen Stückzahlen in lichten, stufigen Fichtenwäldern, die manchmal einige Exemplare anderer Sumpfpflanzen (zum Beispiel Pinus mugo ssp. uncinata, Betula pubescens) beherbergen, insbesondere wenn der Unterwuchs aus einem Teppich von Heidelbeeren (Vaccinium myrtillus) und Torfmoosen besteht. Dieser typische Lebensraum wird als moosige Fichtenwald gezeichnet und ist in der Schweiz gefährdet. Listera cordata ist zudem im Mittelland infolge der intensiven Waldwirtschaft des 20. Jahrhunderts vollständig verschwunden.