Dimitri Känel
Holunder-Fingerwurz
Dactylorhiza sambucina (L.) Soó
Die Holunder-Fingerwurz ist an Bergwiesen gewohnt und ist eine der ersten Orchideen, die im April in den Wallis-Niederungen blüht, oft neben ihrem häufigeren Verwandten, dem Männlichen Knabenkraut. Mit einem ziemlich kompakten Blütenstand wächst sie meist in voller Sonne auf trockenen bis frischen, kalkhaltigen bis leicht saure Böden. Sie kommt von 500 bis 2600 m ü. M. vor. Erstaunlich fehlt sie im Zentrum und Osten der Schweiz, bildet aber oft grosse Bestände in den Alpen und Voralpen. Obwohl morphologisch identisch, hat sie zwei völlig unterschiedliche Farbvarianten: meist hellgelb, seltener purpurfarben, ausnahmsweise rosa oder lachsfarben. Diese Art verbreitet einen honigartigen Holunderduft und lockt mühelos die aus dem Winterschlaf gekommenen Hummelköniginnen an, die aktiv neue Nistplätze suchen. Da sie keinen Nektar als Gegenleistung bietet, durchschauen die Bestäuber ihren Trick schnell und wenden sich anderen Blüten zu. Die Farbvariation ermöglicht es dieser Orchidee, die Insekten mindestens zweimal zu täuschen!
ANEKDOTE
Im Nahen Osten, aber auch in Griechenland gibt es ein Heissgetränk, das Salep (oder Sahlep) genannt wird. Dieses Milchgetränk ist mit getrockneten und gemahlenen Wurzelknollen verschiedener Orchideen vorbereitet. Für die Herstellung einem Kilogramm werden zwischen 1’000 und 4’000 Pflanzen benötigt. Das kostbare Pulver wird mit Milch und Gewürzen gemischt. Es gilt als gesundheitsfördernd und wird im Winter zur Vorbeugung von Erkältungen getrunken. Die Ernte der Orchideenknollen ist einer der Hauptgründe für das Verschwinden der Orchideen in den betroffenen Ländern. Der erste Vorweis der therapeutischen Verwendung von Orchideen stammt aus dem Jahr 2800 v. Chr. in China.
ERHALTUNG
Die Holunder-Fingerwurz wurde bei der letzten Überarbeitung der Roten Liste der Gefässpflanzen durch Info Flora im Auftrag des Bundesamts für Umwelt im Jahr 2016 als potenziell gefährdet klassifiziert. Bereits 2002 trug diese Art denselben Bedrohungsstatus, und es ist wahrscheinlich, dass sie in den kommenden Jahren aufgrund des allgemeinen Rückgangs ihrer Vorkommen in Europa als verletzlich klassifiziert wird.