Dimitri Känel
Bienen-Ragwurz
Ophrys apifera Huds.
Während ihrer kurzen Blütezeit sticht die schelmische Bienen-Ragwurz elegant aus den Magerwiesen hervor, in denen sie wächst. Die drei rosa bis weisslichen Perigonblätter ihrer Blüte konvergieren zur bemerkenswerten dreilappigen Lippe ohne Sporn. Dieses Merkmal ist das Ergebnis der ausserordentlichen Koevolution zwischen manchen Orchideen und ihren Bestäubern. Die Lippe imitiert nicht nur Farben und Muster bestimmter Wildbienenweibchen, sondern auch deren Form und Behaarung. Noch erstaunlicher: die Ophrys-Arten geben Pheromone ab, die den Duft geschlechtsreifer Wildbienenweibchen mit grosser Präzision imitieren. Einer der bestätigten Bestäuber der Bienen-Ragwurz ist die schöne Eucera longicornis. Die Männchen werden durch ihren Duft aus 10 bis 15 Metern Entfernung angelockt, entdecken dann, was sie für eine blütenbesuchende Partnerin halten. Sie klammern sich fest und versuchen zu kopulieren, ohne den Trick zu durchschauen. Beim Kontakt mit den Pollinien nehmen die Männchen diese unwissentlich auf ihrem Kopf mit. Vielleicht deponieren sie sie auf dem Stigma einer anderen Bienen-Ragwurz und sichern so deren Bestäubung. Diese Ragwurz wird bis 50 cm hoch und trägt zwischen 3 und 9 Blüten.
ANEKDOTE
Bei der Bienen-Ragwurz fallen die Pollinien bereits bei der Blüte aus ihren Logen und klappen auf das Stigma zurück, was durch die geringste Luftbewegung zur Selbstbestäubung der Pflanze führt. Diese Orchidee gilt daher als eine hauptsächlich selbstbestäubende Pflanze, wobei die Fremdbestäubung nur eine untergeordnete Rolle für den genetischen Austausch spielt. Die Variabilität der Populationen sowie die grosse Vielfalt der beschriebenen Varietäten belegen dieses Phänomen. Diese Art kann spektakuläre Hybridisierungen leicht bilden.
ERHALTUNG
Die Bienen-Ragwurz wächst im Halbtrockenrasen, die zu den stark bedrohten Lebensräumen zählen. Seit 1950 hat die Schweiz 90 % ihrer blumenreichen Wiesen durch intensive Landwirtschaft und Urbanisierung verloren. Die Trockenrasen und -weiden, in denen die Bienen-Ragwurz wächst, machen heute nur noch 0,7 % des nationalen Gebiets aus. Mehr als 400 Arten (das sind 13 % der Schweizer Pflanzenwelt) wachsen ausschliesslich in diesen Lebensräumen. Der Kanton Bern ist der einzige, der für diese Art in-situ-Schutzmassnahmen ergreift.
GEFÄHRDUNGEN
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Kleine, isolierte Vorkommen
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Ungeeignete Pflege und Nutzung
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Zerstörung des Lebensraums, Hofdüngergaben
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Sammeln, Ausgraben von Pflanzen, Tritt
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Nutzungsaufgabe, Sukzession,
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Zu hohe Vegetation im Winterhalbjahr